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10.02.2010

Pink gegen Randale

In zahlreichen Gefängnissen sind Zellenwände inzwischen in dem als "Kaugummifarbe" verschrienen Farbton gestrichen – mit überraschendem Erfolg

Sind Sie gereizt? Nervös und angespannt? Spüren Sie Aggressionen in sich brodeln? Dann sollten Sie eine Viertelstunde auf das Pink blicken, mit dem dieser Artikel illustriert ist. Folgt man nämlich den Aussagen des amerikanischen Wissenschaftlers Alexander G. Schauss, hat die Farbe Pink eine beruhigende Wirkung auf das Gemüt. Das zumindest hat Schauss bei Häftlingen in mehreren Gefängnissen herausgefunden.

Machen Sie den Selbstversuch, baut die Betrachtung dieses Farbtons bei Ihnen Agressionen ab?
Pink

Der Direktor des American Institute für Biosocial Research hatte im Jahr 1979 eine Forschungsarbeit veröffentlicht, in der er von seinen Erfahrungen mit Gefängniszellen berichtet, die in leuchtendem Pink gestrichen waren. Wurden Häftlinge gleich bei ihrer Aufnahme ins Gefängnis nur eine Viertelstunde in diesen Raum gesteckt, verloren sie ihr häufig aggressives Verhalten, berichtete Schauss: Hatte es zuvor mit den Neuankömmlingen regelmäßig Ärger gegeben, herrschte nun Ruhe. Selbst eine halbe Stunde nach der Verlegung in eine gewöhnliche Zelle seien die Gefangenen noch weitaus friedfertiger gewesen als gewöhnlich.

Seither sind mehr als dreißig Jahre vergangen, und Schauss wird noch immer rege zitiert, die Wirkung der Farbe sogar in der Praxis umgesetzt. Wer etwa im Gefängnis im Schweizer Ort Pfäffikon (ZH) einsitzt und durch extrem aggressives Verhalten auffällt, kommt in Zelle 301: In diesem Raum kann man als Häftling nichts beschädigen, auch nicht sich selbst, denn es gibt keinerlei beweglichen Teile. Selbst der Wasserhahn für das Waschbecken und die Spülung der Toilette im Boden sind in die Wand eingelassen. Solche Zellen für renitente Häftlinge gibt es in den meisten Strafanstalten. Doch Zelle 301 in dem Schweizer Gefängnis ist "Cool Down Pink": Decke, Boden, Wände, selbst die Tür ist diesem Farbton gestrichen, der von der Schweizer Farbdesignerin Daniela Späth entwickelt wurde.

Bei Männern vom Kaliber eines renitenten Strafgefangenen löse das Pink zunächst einmal Verblüffung aus, erklärt Gefängnisleiter René Meier in einem Bericht der Schweizer Zeitschrift "Das Magazin": "Ich hier rein? Ich bin doch kein Mädchen und auch nicht schwul", stöhnten viele der Gefangenen angesichts der Farbe. Doch in all dem Pink beruhigten sich die Häftlinge schnell, und die meisten könnten bereits nach kurzer Zeit wieder in eine andere Zelle verlegt werden.

Daniela Späth arbeitet derzeit mit der Forschungsabteilung eines Schweizer Spitals an einer laufenden Studie, in der die Wirkung von Cool Down Pink nach objektiven Kriterien untersucht wird. Erste Zwischenergebnisse belegen bereits jetzt die pulssenkende Wirkung von Cool Down Pink. Eine solche statistische Erhebung über die beruhigenden Effekte fehlte in der dreißig Jahre alten und eher anekdotische Veröffentlichung von Schauss, der zudem einen etwas anderen Farbton verwendete. Auf die Idee, Gefängniszellen in Pink zu streichen, war Schauss nach Experimenten seines Kollegen John N. Ott gekommen. Dieser veranstaltete mit seinen Probanden eine Art Armdrücken und untersuchte dabei, wie sich die Kraft der Freiwilligen veränderte, wenn diesen in vierzig Zentimetern Abstand ein Blatt in Pink vor die Nase gehalten wurde. Dabei verzeichnete Ott einen "signifikanten Verlust an Muskelkraft", wie Schauss in seiner Veröffentlichung berichtet.

Durch Vorhalten eines blauen Blattes hätten die Probanden jedoch ihre ursprüngliche Kraft zurückgewonnen. Dieses Experiment ergänzte Ott durch einen Versuch mit einem mechanischen Kraftmesser. Hier verzeichnete er durch die Betrachtung von Pink eine Einbuße an Kraft zwischen 6 und 23 Prozent.

Aus diesen Ergebnissen sowie aus Versuchen mit Mäusen, die mit pinkfarbenem Licht bestrahlt wurden, kam Schauss auf die Idee, Pink gezielt als Farbe zum Abbau von Aggressionen einzusetzen. Dies erprobte er daraufhin in mehreren amerikanischen Gefängnissen und Strafanstalten für Jugendliche. Die Ergebnisse seien "exzellent" gewesen, berichtet der Wissenschaftler: In einer Jugendstrafanstalt habe das Personal sogar die Dosis an Pink reduzieren müssen, der die Delinquenten ausgesetzt waren, da die Farbe die jungen Straffälligen zu sehr geschwächt habe. Es folgten Versuche, bei denen nicht nur Einzelzellen für neu aufgenommene Straffällige in Pink gestrichen wurden, sondern auch die berüchtigten "fish tanks", in denen Dutzende Häftlinge eingesperrt sind – mit zweifelhaftem Ergebnis: Das Verhalten der Inhaftierten änderte sich zwar, doch allerdings begannen sie irgendwann, in mühevoller Arbeit die Farbe von der Wand zu kratzen.

Die beruhigende Wirkung der Farbe beruhe auf hormonellen Effekten, die für eine Verlangsamung des Herzschlags sorgten, erklärt Schauss. "Auch wenn eine Person versucht, wütend oder aggressiv zu sein, kann sie das in der Gegenwart von Pink nicht. Die Herzmuskeln kommen nicht schnell genug hinterher", fasst der Forscher zusammen. Wie lange dieser Effekt anhält, der sonst eigentlich Psychopharmaka vorbehalten ist, darüber gehen die Aussagen heute auseinander. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass sich das Gleichgewicht nach einer gewissen Zeit wieder herstelle, was die Wirkung der Farbe zunichte macht – und dann sogar ins Gegenteil und in ein aggressiveres Verhalten umschlagen kann.

Pink könnte langfristig vielmehr tatsächlich eher als Strafe denn als Therapeutikum wirken, was dadurch deutlich wird, dass die Farbe in manchen Gefängnissen sogar gezielt als Instrument der Abschreckung eingesetzt wird. So sind im Gefängnis im texanischen Mason County nicht nur die Zellenwände in Pink gestrichen, sondern die Farbe ist einfach überall: Die Anzüge der Häftlinge sind Pink, die Schuhe und Handtücher, ja selbst die Unterwäsche und Socken. "Es geht nicht darum, die Leute zu demütigen", erklärt der zuständige Sheriff Clint Low. Es sei einfach so, dass die Häftlinge von der Farbe peinlich berührt seien und deshalb vermieden, wiederzukommen. Dies scheint zu funktionieren: Die Rückfallquote sei nach Einführung der Farbe um 68 Prozent gesunken.

Wie und wie lange die Farbe auch immer wirkt: Es bleibt die in jedem Fall überraschende Erkenntnis, dass mit einer einzigen Farbe das Verhalten von Menschen so deutlich beeinflusst werden kann. Und es lohnt sich, die Wirkung von Pink tatsächlich einmal im Selbstversuch zu erproben. Wer den von Schauss eingesetzten Farbton möglichst genau treffen will, wähle im RGB-System die Werte R=255, G=145 und B=175. Alternativ genüge es auch – um den Forscher ein letztes Mal zu zitieren – sich das Pink nur vorzustellen." (ud)

 
 

Weitere Informationen

zum Thema dieses Artikels finden Sie in der Veröffentlichung von Schauss (PDF) aus dem Jahr 1979.