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03.10.2012

Schutz mit fataler Nebenwirkung

Warum bei einem Gemälde von van Gogh das Gelb nun nur noch orange-grau ist

Unsterblich ist der niederländische Maler Vincent van Gogh mit seinen Bildern geworden – seine dafür verwendeten Farben sind es jedoch nicht: Ein bislang unbekannter chemischer Zersetzungsprozess hat ein von dem niederländischen Meister eingesetztes leuchtendes Gelb in ein mattes Orange-Grau verwandelt. Beteiligt an der chemischen Reaktion ist ausgerechnet der Firnis, der eigentlich zum Schutz des Gemäldes aufgetragen worden war. Das hat ein europäisches Team von Wissenschaftlern nach Untersuchungen von Originalproben aus dem berühmten Bild "Blumen in blauer Vase" herausgefunden. 

Vincent van Gogh: "Blumen in blauer Vase". Die Markierungen zeigen, wo das einst leuchtende Gelb von einer orange-grauen Kruste überzogen ist. Repro: Kröller-Müller-Museum
"Blumen in blauer Vase", Repro: Bild: Kröller-Müller-Museum

Die "Blumen in blauer Vase" hatte Vincent van Gogh 1887 in Paris gemalt, drei Jahre vor seinem Tod. Wie bei einer Reihe weiterer Gemälde des Meisters wurde auch bei diesem Werk nachträglich ein Firnis aufgetragen – ein klarer Lack, der  die Oberfläche mit den enthaltenen Farbpigmenten vor Schmutz und anderen schädlichen Umwelteinflüssen schützen soll. Doch dieser vermeintliche Schutz könnte fatale Nebenwirkungen haben, wie die Konservatoren des Kröller-Müller-Museums im niederländischen Otterlo, in dessen Besitz das Bild heute ist, nun feststellen mussten.

Als diese 2009 das Gemälde näher untersuchten, war ihnen eine ungewöhnliche, graue Kruste aufgefallen – und zwar an den Stellen, wo van Gogh das zu seiner Zeit neue Pigment Cadmiumgelb verwendet hatte. An der Luft bildet dieses Pigment eine weißliche, transparente Oxidationsschicht, doch hier war es offenbar mit dem Firnis eine chemische Verbindung eingegangen. Besonders ärgerlich für die Konservatoren: "Die Kruste und der verfärbte Firnis ließen sich nicht entfernen, ohne die sehr brüchige Cadmiumfarbe zu beeinträchtigen", erklärt Margje Leeuwestein vom Kröller-Müller-Museum.

Auf der Suche nach der Ursache für diese unheilvolle Verbindung bat das Museum ein Forscherteam um den belgischen Chemiker Koen Janssens von der Universität Antwerpen um Hilfe. Sie schickten den Forschern, darunter auch Wissenschaftler des Deutschen Elektronen-Synchrotron DESY in Hamburg, zwei nur Bruchteile von Millimetern große Farbproben aus dem wertvollen Original.

Die winzigen Proben aus dem wertvollen Gemälde wurden für die Untersuchung in Plexiglas eingegossen. Foto: I. Montero/ESRF
Probenuntersuchung, Foto: I. Montero/ESRF

Mithilfe von Röntgenstrahlen konnte das Forscherteam zeigen, dass sich zwischen der Farbe und dem Firnis eine undurchsichtige orange-graue Kruste gebildet hat, hinter der das einst leuchtende Gelb nun verschwunden ist. Diese Kruste besteht aus Abbauprodukten des Firnisses. Zudem war Schwefel aus dem Cadmiumgelb mit dem in dem Firnis enthaltenen Blei eine Verbindung eingegangen.

Diese Erkenntnisse stellt die Konservatoren vor ein Dilemma: Sie wissen nun, dass von dem Firnis die Gefahr ausgeht, dass die Farbigkeit des Gemäldes hinter trüben Abbauprodukten verschwindet. Doch alle Versuche, den Firnis oder die Kruste zu beseitigen, bergen das Risiko, damit auch Teile der originalen Pigmente zu entfernen, nachdem beide enge Verbindungen miteinander eingegangen sind. Wie dieses Dilemma zu lösen ist, wissen bisher weder Konservatoren noch Wissenschaftler.

Unter dem Mikroskop ist zu erkennen, dass das Cadmiumgelb von einer dunklen Kruste bedeckt ist. Foto: Koen Janssens/Universität Antwerpen
Cadmiumgeld,  Foto: Koen Janssens/Universität Antwerpen

Unklar ist auch, wie viele Gemälde von van Gogh von den nun erstmals genau analysierten Effekten betroffen sind. Tatsache ist, dass wohl zahlreiche Gemälde des Niederländers nach dessen Tod mit einem Firnis versehen wurden, der sich im Nachhinein als ungeeignet erwiesen hat.

Die Wissenschaftler um Janssens haben daher noch viel Arbeit vor sich: Sind doch die Farben und der Firnis auf van Goghs Bildern ein "reaktiver Cocktail von Chemikalien, der sich überraschend verhält", wie es Janssens ausdrückt. In den kommenden vier Jahren wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie sich die Umgebungsbedingungen in Museen auf Cadmiumgelb und andere schwefelhaltige Pigmente auswirken und wie die einmalige Farbigkeit der Bilder bis in kommende Generationen zu erhalten ist. (ud)