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08.06.2011

Täuschend echt mit Farbe und Pinsel

Die Kunst der Augentäuschung fasziniert Künstler bis heute

Können gemalte Bilder irreführen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Künstler schon in der Antike: Der griechische Maler Zeuxis soll im fünften Jahrhundert vor Christus Trauben auf einem Wandbild so täuschend echt gemalt haben, dass sie von Vögeln angepickt wurden. Sein Konkurrent Parrhasios stellte daraufhin einen durchsichtigen Vorhang über verschiedene gemalte Gegenstände so naturalistisch dar, dass Zeuxis den Schleier beiseiteschieben wollte, um die Malerei darunter besser betrachten zu können.

Im 17. Jahrhundert waren häufig noch Stilleben Thema der Trompe-l'oeil-Malerei, wie hier bei diesem 1675 entstandenen "Stillleben mit Briefen" des Niederländers des Cornelis Norbertus Gijsbrechts. Repro: public domain
Stilleben von Cornelis Norbertus Gijsbrechts, Repro: public domain

Schon seit dem Altertum haben Maler immer wieder versucht, mit Farbe und Pinsel ihr Können durch täuschend echte Bilder unter Beweis zu stellen, die dem Auge als Wirklichkeit erscheinen. Diese Variante des Stilllebens, auch Trompe-l’oeil, französisch für "Täusche das Auge", genannt, täuschen Räume und Gegenstände, Menschen und sogar Landschaften vor. Der Betrachter wird durch die illusionistische Nachahmung an den äußersten Punkt der Sinnestäuschung geführt, sodass er den Gegenstand, der nur mit Pinsel und Farbe gemalt ist, als realistisch empfindet. Die Trompe-l’oeil-Malerei spricht den Tastsinn an und stellt damit das Sehen infrage.

Römische Kopien nach verlorenen griechischen Malereien und Mosaiken aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zeigen die schon zu dieser Zeit weit entwickelte Illusionskunst. Auch die Buchmaler des späten 15. Jahrhunderts bildeten Alltagsgegenstände sowie Tiere und Pflanzen plastisch ab. In der Renaissance, mit der Wiederentdeckung der Perspektive und auch mit der Erfindung der Ölmalerei, die ein breiteres Farbspektrum mit sich brachte, bekamen die Künstler neue Möglichkeiten: Es war es zum ersten Mal machbar, auf einer ebenen Bildfläche die dreidimensionale Ausdehnung von Körpern im Raum proportional richtig wiederzugeben. Die Künstler versuchten in Innenräumen mithilfe gemalter Scheinarchitektur künstliche Ausblicke durch vorgetäuschte Fenster und Kuppeln zu schaffen. Seitdem war die Trompe-l’oeil-Malerei nicht nur ein unterhaltsames Mittel, um die Betrachter in die Irre zu schicken, sondern auch "Gebrauchskunst" im Alltag.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Technik der plastischen Darstellung immer mehr verbessert – hier die "Flucht vor der Kritik", 1874 vom spanischen Maler Pere Borrell del Caso geschaffen. Repro: public domain
Pere Borrell del Caso,   Repro: public domain

Im 17. Jahrhundert steigerte sich der Realismus: Die Künstler stellten die Gegenstände in originaler Größe und Material dar. Durch Licht und Schatten erhielten sie eine Räumlichkeit, die den Betrachter zum Greifen anregt. Auch die sorgsam ausgewählte und fein abgestufte Farbigkeit trug dazu bei, die Gegenstände realistisch erscheinen zu erlassen. Während dieser Zeit gelangte dieser Ansatz in den Niederlanden zu höchstem Ansehen. Das Trompe-l’oeil entwickelte sich parallel zu den Fortschritten in den Naturwissenschaften und der Entwicklung neuer optischer Geräte, die dazu beitrugen, die "sichtbare Welt" zu kartieren und aufzuzeichnen. Als Motiv dienten häufig Nischen mit Blumen- und Früchtestillleben, Kleinmöbel wie Regale oder Schränkchen mit Kleinodien, Bretterwände mit Grafiken und Briefen sowie auch Jagdstillleben mit Wild und Waffen. Oftmals malten die Künstler auch kostbare und seltene Objekte, was dem Repräsentationsbedürfnis von Adel und Bürgertum entsprach.

Im 18. Jahrhundert verändern sich die Motive der Trompe-l’oeil-Malerei: Die Künstler wählten nicht mehr das klassische Stillleben. Der Typus des "Quodlibet", eine Zusammenstellung in Form einer Collage von Briefen, Urkunden und ähnlichen Dingen, war ebenso geschätzt wie die Nachahmung von Steinreliefs in Grisaille, eine Maltechnik in Grau, Weiß und Schwarz.

Häuserfassaden sind heute oft dankbare Flächen für Trompe-l'oeil-Malerei. Hier hat die Künstlergesellschaft Strauss & Hillegaart den Wohnblock in der Straße der Energie in Senftenberg gestaltet. Foto: Brillux
Wohnblock, Foto: Brillux

War das Trompe-l’oeil bis weit in das 19. Jahrhundert hinein vorwiegend in den Bereichen Malerei und Grafik zu Hause, schließt es heute Fotografie, Video, Film, Skulptur und Installation mit ein: Pop-Art-Künstler Andy Warhol setzte auf den Überraschungseffekt, den lebensechte Nachbildungen alltäglicher Gegenstände hervorrufen. So fertigte er zum Beispiel im Siebdruckverfahren Etiketten für Kartons zum Transport von Heinz Tomato Ketchup, Kellog’s Cornflakes oder für Brillo Soap Pads. Allerdings blieb bei diesem "Etikettenschwindel" die Farbe als Bemalung zu erkennen.

Ab den späten 1960ern traten die realistischen Skulpturen des Amerikaners Duane Hanson in Erscheinung. Als Begründer des Hyperrealismus, in dem augentäuschende Verfahren eingesetzt werden, um die Grenzen der Kunst und des Kunstraumes auszuloten und aufzubrechen, benutzte Hanson seine, aus dem Alltag gegriffenen, Figuren zur Gesellschaftskritik, die schockierten und berührten.

Auch heute noch stellt die Illusionsmalerei Fenster, Türen und Flure auf Wände und Fassaden dar, um den Eindruck von Weite und Größe zu vermitteln. Der amerikanische Maler John Pugh gehört zu den bekanntesten Trompe-l’oeil-Künstlern und hat sich auf überdimensionale illusionistische Wandmalereien spezialisiert, die öffentliche Gebäude schmücken. (an)