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19.09.2007

Technik der malerischen Raumillusion

In der einstigen römischen Villensiedlung Oplontis sind zweitausend Jahre alte raffinierte Architekturillusionen in leuchtenden Farben zu bestaunen

Der Vesuv bedeckte bei seinem Ausbruch im Jahr 79 n. Chr. nicht nur die beiden Städte Pompeji und Herculaneum mit Asche und Lava, sondern auch den Ort Oplontis. Bis heute sind von der Villensiedlung, die vermutlich von wohlhabenden Patriziern aus Rom bewohnt wurde, nur zwei Gebäude ausgegraben und zugänglich. Der Rest liegt unter einer meterhohen Lavaschicht begraben. Doch die Motive, Materialien und die Technik der Wandmalereien, die bei den Ausgrabungen zutage kamen, sind einmalig: So changieren die Wandmalereien in der Villa der Poppaea Sabina, der zweiten Frau des römischen Kaisers Nero, zwischen Raffinesse und Schlichtheit und bezeugen die hohe Kultur der römischen Raumausstatterkunst.

Wandmalereien, Foto: Achim Pilz

Die Wandmalereien in der Villa Oplontis sind durch perspektivische Raumillusionen geprägt. Verstärkt wird der Effekt durch Details wie hier eine Theatermaske und einen Pfau. Foto: Achim Pilz

Calidarium der Villa Poppaea in Oplontis, Foto: Achim Pilz

Das Calidarium der Villa Poppaea in Oplontis ist im dritten Pompejianischen Stil ausgemalt. Er kombiniert architektonische Elemente und leuchtende Farbflächen mit pastellig gemalten Bildern griechischer Allegorien. Foto: Achim Pilz

 

Die beiden in der Nähe liegenden Städte Pompeji und Herculaneum wurden beim Vulkanausbruch und bei späteren Ausgrabungen stärker zerstört. Die Wanddekorationen sind dort nicht so gut erhalten wie in Oplontis. Hier ist die fortschreitende Entwicklung der Malerei über einen Zeitraum von etwa hundert Jahren eindrucksvoll zu studieren: Wie mit der Zeit entweder eine abstrakte Farbigkeit oder eine illusionistische Vertiefung des Raumes betont werden, wie sich die Stilmittel durchdringen und schließlich steigern. Die Farbflächen nehmen Bezug auf die Räume und spiegeln den Geschmack und die finanziellen Möglichkeiten des Auftraggebers wider. Die Verbindung von gemalten Themen und der Raumfunktion ist jedoch überraschend selten wirklich eindeutig. Allgemein wurden Repräsentationsräume aufwändiger als Nebenzimmer gestaltet.

In der Villa Poppaea lassen sich drei der vier für diese Gegend bedeutenden Malstile an mehreren gut erhaltenen Beispielen studieren. Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus wurde mit dem Bau begonnen. Die ältesten Räume wie die Küche waren recht schlicht gehalten. Die anschließenden Repräsentationsräume der Patriziervilla weisen spektakuläre Malereidekorationen im zweiten Stil auf. Mit Licht und Schatten ausgemalte Dekorationselemente wie Sockel und Säulen rahmen komplexe, perspektivische Motive, die eine Illusion unbegrenzter Weite erzeugen. Dieser illusionistische Realismus wird durch sorgfältig ausgearbeitete Details wie die Theatermaske und den Pfau verstärkt.

Daran an- und umgebaute Räume sind im dritten und vierten Pompejianischen Stil ausgemalt, so etwa das Calidarium der privaten Thermenanlage. Hier tritt die Komplexität der Architekturelemente zugunsten von leuchtenden Farbfeldern zurück. Im dritten Stil werden die illusionistisch dargestellten Bauteile in dekorative architektonische Elemente, wie schlanke Säulen und zierliche Architrave, vereinfacht. Sie grenzen die strahlenden Farbfelder, auf deren Gestaltung im dritten Stil der Fokus liegt, voneinander ab. Flächen in der Mitte der Wand und einige Zentren der Felder sind mit Bildern pastellig ausgemalt. Größere Motive sind als griechische Allegorien ausgeführt, kleinere als Einzelbilder wie Landschaften, Menschen oder Tiere.

Auch die Aufbereitung der Pigmente und ihre Auftragstechnik entwickelte sich fortschreitend. Als Pigmente wurden mineralische und metalloxidische Pigmente verwendet, deren Tönungen einmalig sind, so etwa das dynamische Zinnoberrot, das sanfte Azuritblau oder das tiefe Malachitgrün, die heute als giftig eingestuft werden, was ihre Verwendung stark einschränkt.

Ihre Farbintensivität wurde noch gesteigert, indem sie in mehreren, deckenden oder halbtransparenten Schichten aufgetragen wurden. Ein Zinnoberrot erhielt seine einmalige Leuchtkraft durch einen Untergrund aus Weiß, gefolgt von einem etwas gesättigteren Ton, beispielsweise einem Gelb. So haben die Farben auch noch nach über 2.000 Jahren eine außerordentliche Ausstrahlung und leuchten aus der Tiefe heraus. Und das, obwohl sie fast 1.700 Jahre verschüttet gewesen waren. Das gleiche Rot wirkt in einer Seitenpartie eher gedeckt, hier liegt ein dunkler Ton darunter, ein Blau oder ein Schwarz, der dem Rot etwas Geheimnisvolles verleiht.

Im vierten Stil verbinden sich die Architekturfantasien des zweiten Stils mit dem Dekorationsreichtum des dritten Stils. Diese fantastische Melange mit hauchfeinen architektonischen und naturalistischen Dekorelementen ist in den Räumen zu bewundern, die kurz vor Vulkanausbruch ausgemalt wurden. (ap)