08.12.2010

Warum der Advent eigentlich violett und rosa sein müsste

Das heute die Adventskränze dominierende Rot-Grün hat eine vergleichsweise kurze Tradition

Ein Kranz aus Tannengrün, vier rote Kerzen darauf und dazu rote oder gar goldene Schleifen: So sehen heute die meisten Adventskränze aus. Farblich entsprechen sie damit bereits der rot-grün-goldenen Konformität, die vor allem das kommerzialisierte Weihnachten heute dominiert. Dabei waren die prägenden Farben im Advent ursprünglich Violett und Rosa.

Adventskranz, Foto: Fretwurst, CC-Lizenz

Der erste Adventskranz von Johann Hinrich Wichern hatte noch 23 weiße und rote Kerzen – jetzt sind 4 üblich.

Foto: Andrea Schaufler, CC-Lizenz

Adventskränze, die sich an der liturgischen Tradition orientieren, haben drei violette und eine rosa Kerze. Foto: Andrea Schaufler, CC-Lizenz

 

Advent kommt vom lateinischen Wort "adventus" und bedeutet Ankunft. Es ist also die Zeit, in der sich die Menschen auf das Weihnachtsfest vorbereiten. Auch wenn die Fülle des Angebots an Leckereien im Advent heute anderes vermuten lässt: Die Wochen vor dem Weihnachtsfest galten früher als Bußzeit, ähnlich wie die Fastenzeit vor Ostern. Einer solchen Zeit des Übergangs und der Umkehr ist sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche die liturgische Farbe Violett zugeordnet. Sie taucht unter anderem in den Gewändern der Geistlichen und in der Ausschmückung der Altäre auf.

Violett ist daher die ursprüngliche Farbe des Advent und müsste insofern auch im Adventskranz zu finden sein. Das tut sie jedoch nur in seltenen Fällen – am häufigsten noch in katholischen Kirchen. Diese sind dann mit vier violetten Kerzen versehen, häufig jedoch auch mit drei violetten und einer rosa Kerze. Diese wird traditionell am dritten Adventssonntag entzündet, der die Bezeichnung Gaudete (Freuet Euch!) trägt.

Das Rosa gilt dabei als aufgehelltes Violett und symbolisiert damit die Vorfreude auf das Fest, die am diesen Tag im Vordergrund steht. Eine Tradition mit violetten und rosa Kerzen ist beispielsweise auch in Irland entstanden, allerdings mit einer fünften, weißen Kerze im Zentrum, die erst an Heiligabend entzündet wird. Bekannt sind violette Kerzen am Adventskranz aber auch in einigen protestantischen Regionen, unter anderem in Norwegen und Schweden.

Dass die traditionellen liturgischen Farben so selten in die farbliche Ausgestaltung des Adventskranzes Eingang finden, könnte mit der vergleichsweise jungen Tradition des Adventskranzes selbst zusammenhängen. Der Brauch, grüne Kränze zu flechten, hat zwar heidnische Wurzeln und reicht viele hundert Jahre zurück. So wurden Kränze aus Tannenzweigen von Alters her zur Abwehr von Krankheit und Gefahr an Häusern und Ställen angebracht – gerade in harter Winterzeit. Rote und goldene Bänder sollten die Wirksamkeit dieser Segensbringer noch erhöhen.

Der Gebrauch als Adventskranz hingegen ist gerade 170 Jahre alt: Der erste hing 1839 im "Rauhen Haus" bei Hamburg, in dem der evangelische Theologe Johann Hinrich Wichern Waisen und vernachlässigte Kinder eine christliche Erziehung angedeihen ließ. Wichern wollte seinen Schützlingen die Vorfreude auf Weihnachten erlebbar machen und ließ einen Kranz mit 23 Kerzen anfertigen: Vier große weiße für die Adventssonntage, 19 kleine rote für die übrigen Tage des Advent. Jeden Tag ließ Wichern eine Kerze anzünden, bis an Heilig Abend schließlich alle 23 brannten. Seither hat sich der Adventskranz überall im deutschsprachigen Raum verbreitet – zuerst in protestantischen Regionen, seit etwa 90 Jahren auch in katholischen Gegenden. Ein großer Erfolg von Wicherns Idee, der 1839 in seinem Tagebuch noch festgehalten hatte: "Das Ganze diente ebenso wie zur Erbauung als Stärkung und Freude im Herrn."