14.10.2009

Was soll der Zinnober?

Wie die rote Farbe zur Redensart wurde, darüber gehen die Ansichten bis heute auseinander

Wer auch immer ihn veranstaltet: Zinnober steht umgangssprachlich für etwas Überflüssiges, wenn nicht gar Unsinniges. Als Farbe darf das rote Mineral aber in keinem Malkasten fehlen. Zwischen Orange und Magentarot hat es seinen festen Platz in Deckfarbkästen für Kinder. Schon die Römer wussten das Pigment als Farbe zu nutzen. Warum Zinnober heutzutage für Unsinn oder unnötigen Aufwand steht, lässt sich allerdings nur noch vermuten.

Zinnober, Foto: public domain
Das oft rötliche Mineral Cinnabarit ist eine Verbindung zwischen Metallen und Schwefel und bildet die Grundlage für den Farbstoff Zinnober. Foto: public domain

Mineralogen bezeichnen Zinnober als Cinnabarit. Das Mineral besteht chemisch gesehen aus Quecksilbersulfid. Dieses kann je nach Kristallstruktur auch andere Farben als Rot aufweisen. Der lateinische Name Cinnabarit bedeutet aber so viel wie "Drachenblut" und bezeichnet demnach die blutrote Variante des Quecksilbersulfids. In China ist das Pigment unter dem Namen Zhusha ("rotes Mineral") schon seit über 3.000 Jahren bekannt.

Auch im Römischen Reich war Zinnober verbreitet und galt als kostbare Malerfarbe. In der Nähe der spanischen Stadt Almadén gab es bereits damals eine Mine, in der das natürlich vorkommende Erz in großen Mengen abgebaut wurde. Ab dem 15. Jahrhundert setzten europäische Maler das leuchtendrote Pigment vermehrt für Tafelmalerei, Gemälde, Buch- und Wandmalerei ein. Es hat zwar eine gute Deckkraft, bei zu viel Lichteinstrahlung kann es sich allerdings dunkel färben. Deshalb verlor Zinnober schnell an Bedeutung, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts das stabilere Cadmiumrot auf den Markt kam.

Doch dieser Bedeutungsverlust allein erklärt noch nicht die redensartliche Verwendung. Einer Theorie zufolge könnten alchimistische Vorstellungen hinter der Redewendung "Zinnober veranstalten" stecken. Denn Quecksilber galt als möglicher Rohstoff zur Herstellung von Gold. Gemeinsam mit gelbem Schwefel sollte sich aus dem silbernen Metall angeblich künstliches Gold gewinnen lassen. Das bei dieser Reaktion tatsächlich entstehende rote Quecksilbersulfid, sprich Zinnober, muss deshalb für eine große Enttäuschung gesorgt haben.

Andere, jedoch ebenso wenig belegte Quellen verweisen auf die Germanen, die angeblich roten Zinnober nutzten, um Runen einzufärben. Da sie für Vorhersagen lieber mit viel Aufwand neue Runensteine und -stäbe anfertigten, anstelle alte wieder zu verwenden, könnte sich daraus die Redewendung "Zinnober veranstalten" entwickelt haben.

Mindestens genauso umständlich – wenn auch nicht unnötig – erscheint die Rolle von Zinnober bei der Gewinnung von Quecksilber. Denn zum einen lässt sich aus Cinnabarit durch die Abtrennung von Schwefelgas flüssiges Quecksilber gewinnen. Da dieses jedoch schwer zu transportieren ist, empfahlen Experten im 17. Jahrhundert, aus dem soeben erst gewonnenen Quecksilber wieder Zinnober herzustellen. Dies geschah auf künstlichem Wege mithilfe von reinem Schwefel. Am Zielort angekommen, ließ sich der Schwefel durch eine einfache Destillation leicht wieder entfernen.

Angesichts dieser zahlreichen, jedoch unbelegten Thesen bleibt der sichere Ursprung der Redensart also weiterhin im Dunklen. An die Redensart dacht wohl auch der Autor E.T. A. Hoffmann, der sie 1819 in einem Kunstmärchen verewigt hat: Um die Figur "Klein Zaches, genannt Zinnober" wird in der gleichnamigen Erzählung viel Aufsehen gemacht, obwohl lediglich die guten Leistungen anderer auf sie abfallen. (lk)