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24.01.2007

Wie Claude Monet seinen Seerosenteich sah

Eine Augenkrankheit veränderte nach und nach die Sehfähigkeit des Künstlers und spiegelt sich auch in seinem Werk wider

Detailreich und in satten Blau- und Grüntönen malte der französische Maler Claude Monet 1899 die Brücke über den Seerosenteich in seinem Garten. Als er etwa zwanzig Jahre später das Motiv erneut auf Leinwand festhält, verschwimmen die Formen völlig und das Blau und Grün ist gelben und braunen Erdtönen gewichen. Hinter der Veränderung steht nicht nur eine künstlerische Entwicklung, sondern auch eine Krankheit: Claude Monet litt an grauem Star – eine Erkrankung, die nicht nur die Sehschärfe reduziert, sondern auch die Farbwahrnehmung verschiebt. Dieses Schicksal einer Augenkrankheit oder eines Sehfehlers teilt sich Monet mit vielen Künstlern aller Epochen.

Viele Male hat der französische Maler Claude Monet die japanische Brücke in seinem Garten auf Leinwand festgehalten. Mit dem Fortschreiten seiner Augenerkrankung verlor auch die Darstellung der Brücke ihren Detailreichtum. Das Bild unten im Text zeigt die Brücke, wie Monet sie noch 1899 gemalt hatte.
Viele Male hat der französische Maler Claude Monet die japanische Brücke in seinem Garten auf Leinwand festgehalten. Mit dem Fortschreiten seiner Augenerkrankung verlor auch die Darstellung der Brücke ihren Detailreichtum. Das Bild unten im Text zeigt die

Es war der Albtraum manches begabten Malers: Die plastische Darstellung eines Motivs gelang mit hoher Perfektion, ebenso wie das Spiel des Lichts und die feinen Strukturen etwa in einem Gesicht oder in den Wolken über einer Landschaft, doch wenn es um die Farben ging, versagten die Fähigkeiten völlig. Mit Befremden nahmen Betrachter dann die dargestellten Farbtöne zur Kenntnis, die einfach nicht dem Gewohnten entsprachen.

 

So erging es etwa dem hierzulande wenig bekannten französischen Maler Charles Meryon (1821 bis 1868). Bei seinem Bild "Das Geisterschiff", der Darstellung eines auf dem Meer treibenden Segelschiffs und eines seiner wenigen farbigen Werke, fehlen Rot- und Grüntöne weitgehend. Meryon litt an Rot-Grün-Blindheit und konnte den Unterschied zwischen diesen beiden Farben nicht wahrnehmen. Der hochbegabte Künstler verlegte sich nach einigen Misserfolgen ganz auf Stiche und wurde in seiner Zeit einer der bekanntesten Vertreter dieser Technik.

 

Dieses Ausweichen in andere Gattungen, die kein Farbensehen verlangten, war keineswegs die große Ausnahme in der Kunstgeschichte: Schätzungen zufolge leiden rund neun Prozent aller Männer an einer Form von Rot-Grün-Blindheit, und entsprechend viele Künstler müssen von der Störung betroffen gewesen sein. Viele Maler arrangierten sich jedoch mit dem Sehfehler, erklärt der französische Augenarzt Philippe Lanthony. So konzentrierten sich manche in ihren Werken vor allem auf Helligkeitskontraste, während andere Gelb und Blau bevorzugten. Wieder andere schienen bei der Farbwahl geradezu beliebig vorzugehen.

Edgar Degas hatte 1874 noch die Tänzerinnen einer Tanzklasse mit sehr filigranen Details dargestellt. 1898 war sein Stil schon wesentlich gröber geworden (unten).
Edgar Degas hatte 1874 noch die Tänzerinnen einer Tanzklasse mit sehr filigranen Details dargestellt. 1898 war sein Stil schon wesentlich gröber geworden (unten).

Auch das Werk des französischen Künstlers Edgar Degas (1834 bis 1917) spiegelt die Geschichte einer Augenkrankheit wider: Degas litt aller Wahrscheinlichkeit nach an einer so genannten Makula-Degeneration. Bei dieser Erkrankung sterben Zellen in der Netzhaut ab und es bildet sich im Zentrum des Gesichtsfelds nach und nach ein blinder Fleck. Degas konnte beim Malen daher nicht mehr die Stelle sehen, auf der sich gerade der Pinsel befand, sondern nur noch deren Umgebung. Degas' Bilder wurden mit dem Fortschreiten der Krankheit immer gröber und verschwommener (Bild oben und unten), und er veränderte auch die Technik seiner Schraffierung, erklärt der Biochemiker Ralf Dahm, der sich eingehend mit den Auswirkungen von Sehstörungen auf die Kunst befasst hat.

 

Degas' Krankheit scheint sich schließlich auch auf die Auswahl der Farben ausgedehnt zu haben, denn das im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit immer schlechter wahrnehmbare Blau tritt in seinem Werk mehr und mehr in den Hintergrund, während er Rot verstärkt einsetzt. Insgesamt werden die Farben in diesen späten Bildern immer intensiver. Dahm vermutet, der Künstler habe damit die in der Wahrnehmung abnehmende Intensität der Farbe ausgleichen wollen. 1903 musste der Impressionist die Malerei ganz aufgeben und wandte sich der Bildhauerei zu.

 

Am besten dokumentiert ist das Zusammenspiel von Augenleiden und Kunst jedoch bei dem französischen Maler Claude Monet (1840 bis 1926). Der Künstler litt an grauem Star und verlor dadurch nach und nach nicht nur seine Fähigkeit zum klaren Sehen, sondern die Krankheit veränderte auch seine Farbwahrnehmung. Dieses Fortschreiten ist in Monets Werken besonders gut ablesbar, da der Künstler immer wieder dieselben Motive malte: den Teich in seinem Garten, Seerosen und die Brücke, die über die Wasserfläche führte. Im Lauf der Jahrzehnte verlieren die Bilder immer mehr an Konturtreue, und die Farbtöne verschieben sich in Richtung Braun und Gelb.

 

1922 diagnostiziert ein Arzt bei Monet schließlich nur noch eine zehnprozentige Sehfähigkeit, und der Künstler schreibt über sich selbst, dass er nun wohl nichts mehr Schönes schaffen werde in seinem Leben. 1923, im Alter von 82 Jahren, unterzieht sich Monet einer Augenoperation, die ihm das Augenlicht wiedergeben soll. Zufrieden mit dem Ergebnis ist Monet jedoch erst 1925, als er die für seine operierten Augen passende Brille findet. Diese gibt ihm die Fähigkeit zum Malen wieder – jedoch nur für die wenigen Monate bis zu seinem Tod.