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12.10.2011

Wie Farbe gesund macht

Der Farb- und Trendforscher Axel Venn plädiert für eine mehr am Menschen orientierte Farbgestaltung in Kliniken und Arztpraxen

Weiß gekachelte Wände, graue Linoleumböden, weiße Decken: Jahrzehntelang sahen so die Behandlungs- und Patientenzimmer in Arztpraxen und Krankenhäusern aus. Steril waren sie jedoch nicht nur im Sinne der Keimfreiheit, sondern auch in der Wirkung auf die Patienten, die sich darin aufhielten. Eine Wohlfühlumgebung schufen sie sicherlich nicht. Ganz vorbei sind diese Zeiten auch heute nicht: Noch immer werde bei der Farbgestaltung von Praxen und Kliniken viel zu wenig auf die Bedürfnisse der Menschen geachtet, kritisiert der Farb- und Trendforscher Axel Venn.

Gerade bei schwerkranken Patienten ist die Decke des Zimmers meist die am längsten betrachtete Fläche. arnd, Photocase.com
Decke Foto: arnd, Photocase.de

"Das Schlimmste, was man machen kann, ist, den Patienten Weiß zu bieten – und dann auch noch ohne Struktur", erklärt der Professor für Farbgestaltung und Trendscouting an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. Auch wenn in vielen Krankenzimmern heute tatsächlich Farbe anzutreffen ist: Selbst einfache Grundsätze würden vielfach nicht beachtet. So werden häufig gerade die Wände an den Kopfenden der Krankenbetten farbig gestrichen – und damit genau jene Flächen, die außerhalb des Blickfelds der Patienten liegen, merkt Venn an. In Intensivstationen sind heute die Wände zwar häufig farbig, doch die von den Patienten überwiegend betrachteten Decken sind nach wie vor weiß.

Die Missachtung solcher kleiner, jedoch bedeutsamer Details kritisiert Venn als Entfremdung der Entscheider von den Menschen, für deren Wohl sie eigentlich zu sorgen hätten. Gute Farbgestaltung hingegen müsse sich an den Bedürfnissen der Patienten orientieren und Räume "in Würde und Freundlichkeit" schaffen. Das hört sich viel schwieriger an, als es in der Umsetzung eigentlich ist: Die Grundlagen für eine am Menschen orientierte Farbgestaltung trage jeder Mensch bereits in sich, erklärt der international angesehene Farbberater.

Sanfte, aber eindeutige Farbtöne können wohltuend oder auch anregend wirken. Foto: Brillux
Kreißsaal, Foto: Brillux

Jeder könne demnach Farben finden und benennen, die wohltuend wirken. Reine und sanfte Farben werden als angenehm empfunden, haben seine Untersuchungen immer wieder gezeigt. Etwa 60 Prozent dieser Farben sind eher warme Farbtöne, rund 30 Prozent eher kühl und 10 Prozent liegen  dazwischen. Braun, Graubraun und Schwarz sind hingegen keine Farben, die zu einer Wohlfühlatmosphäre beitragen, ergaben Venns Auswertungen. Für die Farbgestaltung im Gebäude bedeutet das: "Denken Sie sich eine hübsche Pastellfarbe aus, und schon ist der erste Schritt getan", erklärt Venn. Eine solche Farbe kann beispielsweise ein sanftes Grün oder ein dezentes Gelb sein.

Interessant werde ein Raum jedoch nur dann, wenn er einen Gegensatz biete, am besten zwischen einem anregenden und einem beruhigenden Element – sonst wirken die Räume leer. Das gelte generell für die Gestaltung von Räumen, umso mehr jedoch, wenn sie von Kranken genutzt würden. In der Zurückhaltung sieht Venn einen weiteren wichtigen Grundsatz der Farbgestaltung: "Nicht übertreiben, eher untertreiben! Die Farbe darf nicht zum Diktat werden, sondern muss ein sanftes Angebot zum Wohlfühlen darstellen."

Miteinander korrespondierende Farbtöne machen Räume häufig erst interessant. Foto: Brillux
Klinikflur, Foto: Brillux

Eine solche Rückbesinnung auf einfache Grundsätze und auf die Bedürfnisse des Menschen bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass die Farbgestaltung bei größeren Objekten wie Kliniken und Arztpraxen mal so nebenbei erledigt werden kann. Wie bei allen anderen Aspekten des Gebäudes ist auch hier eine sorgfältige Planung nötig, wie sie viele Architekten und Farbgestalter auch anbieten können.

Gerade bei mit öffentlichen Mitteln sanierten Gebäuden stellt sich bei der Farbgestaltung natürlich auch die Frage nach den Kosten – ein Einwand, den Axel Venn immer wieder hört und mit den Worten quittiert: "Ein Gelbton kostet so viel wie Blau, Grün oder Weiß." Mit anderen Worten: Gute Farbgestaltung kostet nicht mehr als schlechte. Und die Planungskosten sind im Verhältnis zum Gesamtbudget solcher Projekte in der Regel sehr gering.

Auch die Befürchtung, die Farbgestaltung könne zu sehr von den aktuellen Modetrends geprägt sein und daher irgendwann veraltet wirken, hält Venn für unbegründet. Wenn sich manchmal auch das eine oder andere modische Element einschleiche – die Grundlagen solcher Farbkonzepte seien zeitlos und trendunabhängig, betont Venn. (ud)