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30.10.2013

Wilde Jahre in Orange, Braun und Apfelgrün

FARBIMPULSE-Serie über die Geschichte der Wohnfarben in Deutschland: die 1970er-Jahre

Orange, Gelb, Braun, Apfelgrün und an allen möglichen Stellen in der Wohnung bunte Blumenaufkleber: Plakativ lassen sich so die Farbtrends der 1970er-Jahre in einem Satz zusammenfassen. Doch das Jahrzehnt steht natürlich für viel mehr als das: Der Pop wurde endgültig zur Massenkultur, die Hippie-Bewegung beeinflusste das Design in Mode und Einrichtung. Und nicht zuletzt schlug sich nun auch die starke Individualisierung der Lebensstile, die bereits in den 1960er-Jahren begonnen hatte, in der Einrichtungskultur der Menschen immer mehr nieder.

Braun und Orange wurde gerne auch für hochflorige Teppiche verwendet. Foto: www.teenagewasteland.de
Braun und Orange, Foto: Foto: www.teenagewasteland.de

Eigentlich hätten die 1970er-Jahre bereits in den 1960ern begonnen, heißt es immer wieder: Im Fahrwasser der Pop-Art-Bewegung kamen in Deutschland schrille Lampen, Möbel und schließlich auch Tapeten auf den Markt, die vor allem eines gemein hatten: Sie brachten extreme Farben in deutsche Wohnzimmer. Orange in Verbindung mit Braun war eine der beliebtesten Farbkombinationen der frühen 1970er-Jahre. Es gab die Kombination auf hochflorigen, großgemusterten Teppichen, auf Polstermöbeln – hier waren mit Kordstoff bezogene, wuchtige Sessel beliebt – und nicht zuletzt als Tapetenmuster an der Wand.

Gerade bei den Tapeten erreichte die Farbigkeit in deutschen Wohnungen einen Höhepunkt, der seither nie wieder erreicht wurde. Beliebt war neben Braun und Orange natürlich auch das inzwischen nahezu legendäre Apfelgrün, oft in Kombination mit Gelb. Verbreitet waren besonders Blumenmuster in allen Variationen. Hier machte sich der Einfluss der Hippie-Mode bemerkbar, zu deren unverzichtbaren Elementen Blumenmuster gehörten. Der Vollständigkeit halber seien an dieser Stelle auch die Schlaghosen erwähnt – geradezu ein Symbol dieses Jahrzehnts.

Er ist aus Plastik und macht auch keinerlei Anstalten, das zu verhehlen: der legendäre Panton-Stuhl. Foto: Holger.Ellgaard, CC-Lizenz
Panton-Stuhl, Foto: Holger.Ellgaard, CC-Lizenz

Im Möbeldesign kamen passend zu den allgegenwärtigen poppigen Farben häufig ganz bewusst Kunststoffe zum Einsatz – ohne jeglichen Anspruch, das Material als etwas anderes aussehen zu lassen, als es ist. Ein Beispiel ist der knallrote Stuhl des dänischen Designers Verner Panton. Dessen Entwurf stammt  zwar bereits aus den Jahren 1959/60, bekannt und in großem Stil vermarktet wurde das geschwungene Sitzmöbel jedoch erst ab Ende der 1960er-Jahre.

Nicht wegzudenken aus dem Jahrzehnt ist auch ein Objekt, dessen Schöpfer nicht im Traum daran gedacht hätten, dass daraus einmal so etwas wie eine Designikone werden würde: die Prilblume. Seit 1972 gab es die Abziehbilder auf den Spülmittelflaschen und wurden in deutsche Küchen geklebt: Sie prangten auf Küchenschränken, Kühlschränken und natürlich auf den gefliesten Wänden rund um die Spüle (am besten pro Fliese eine Blume, aber für so viele Blumen musste man natürlich auch entsprechend lange spülen). Die gängigen Farbkombinationen trafen sehr genau den Geschmack der Zeit: Orange, Gelb, Grün und dazu das Blau, das auch der Produktfarbe der Spülmittelflaschen entsprach. Der Erfolg dieser Werbeaktion war so groß, dass sie mehr als ein Jahrzehnt, nämlich bis 1984, lückenlos fortgeführt wurde.

Das Apfelgrün gehörte in den 1970ern noch zu den gemäßigteren Farbtönen. Foto: www.teenagewasteland.de
Apfelgrün, Foto: www.teenagewasteland.de

Doch zurück zu den Tapeten als Beispiel extremster Farbenfreude in deutschen Wohnzimmern. "Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich", sollen die letzten Worte des im Jahr 1900 gestorbenen exzentrischen irischen Schriftstellers Oscar Wilde gewesen sein. Ähnliches dürfte sich auch mancher Deutsche gesagt haben, nachdem er einige Jahre eine der Tapeten im typischen Design der 1970er betrachten musste. Jedenfalls könnte das ein Grund dafür gewesen sein, dass sich seit Mitte der 1970er-Jahre die Raufasertapete einer rapide wachsenden Beliebtheit erfreute.

Mit einem Alter von über hundert Jahren (erfunden wurde sie bereits 1864) war sie damals bereits eine betagte Dame und hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg auch im Gefolge der Bauhaus-Bewegung ihren Weg in deutsche Wohnzimmer gefunden. Doch erst jetzt wurde die Raufasertapete zum Massenphänomen. Gemusterte Tapeten galten bald als spießig – und waren die Muster zuvor auch noch so wild gewesen.

Die Prilblume klebte Ende der 1970er-Jahre in fast jeder deutschen Küche. Foto: public domain
Prilblume, Foto: public domain

Der klassische Anstrich auf der Raufasertapete war natürlich weiß. "Raufaser, weiß gestrichen", ist bis heute ein häufiger Satz in Mietverträgen oder Baubeschreibungen. Passend zum eher spröden Charme der Tapete fanden Decken aus Fichtenholzbrettern in Nut-und-Feder-Optik in dieser Zeit regen Zuspruch.

Mitte der 1970er-Jahre begann in Europa ein Möbelhaus Fuß zu fassen, das schließlich wie kein anderes einzelnes Unternehmen den Wohn- und Einrichtungsstil der Deutschen beeinflusste: Ikea. Die aus unbehandeltem Fichtenholz gefertigten Möbel und das schlichte und funktionale skandinavische Design waren wie geschaffen für das individuelle Lebensgefühl vieler junger Menschen – allen voran das Regal "Ivar", das sich geradezu anbot, seine Besitzer auf dem Weg vom Elternhaus in die Welt der damals noch außergewöhnlichen Wohngemeinschaften zu begleiten. Aber damit sind wir bereits in den 1980er-Jahren.